Das neue Lodz
Lodz war mal das Manchester Polens. Nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs versank die Stadt aber in postindustrieller Tristesse. Mittlerweile erlebt Lodz ein enormes kulturelles und wirtschaftliches Revival. `Èndlich kommen wir aus dem Schatten von Warschau heraus.`
Jeroen Kuiper
In: Freitag, Juni 2008
Die wichtigste Treppe der Welt befindet sich in Lodz. Das meint wenigstens Roman Polanski, der polnische Regisseur, der in dieser Stadt seine Ausbildung an der Filmhochschule folgte. `Die siebte Stufe, das war seine Domäne`, erzählt Jan Bednarek, Dozent an der höheren Filmschule von Lodz. `Auf diese Treppe saßen die Studenten, hier tranken sie ihren Wodka, hier besprachen sie ihre Arbeit. Bei Polanski war sofort klar, dass er sehr viel Talent hatte. In den Fünfzigern, als er hier studierte, war Lodz eine langweilige Stadt, aber Polanski organisierte Jazzpartys in der Filmschule und lud Leute aus der Stadt ein. Jeder sprang in dem Springbrunnen hier im Hof, und Polanski drehte daraus einen Film.`
Nach dem zweiten Weltkrieg beschloss die polnische Regierung die nationale Filmschule vorübergehend im 130 Kilometer von der Hauptstadt Warschau entfernten Lodz an zu siedeln. Warschau selber war dafür zu kaputt geschossen. Die Schule bekam ihren Platz in einem dunklen, mit Holzvertäfelungen verkleideten Palast, der vorher Eigentum des Juden Oskar Kohn gewesen war. Die Filmschule ist seitdem nie mehr aus Lodz weggezogen. Laut Bednarek wurde die Schule schon bald zu einer eigensinnigen, liberalen Insel in einem streng kommunistischen Meer. Selber wurde er in den siebziger Jahren an der Hochschule ausgebildet. `Es war eine seltsame Zeit. Nach den politischen Unruhen in den Jahren `68-`70 waren die frühen Siebziger weniger frei. Trotzdem konnten die Filmstudenten mehr oder weniger machen, was sie wollten. Der Parteisekretär Gomulka wusste zwar was wir machten, aber er sagte: `Was haben wir von 200 Filmstudenten zu befürchten? Sollen die doch tun, was sie wollen.`
An der Filmschule machten Regisseure wie Krzysztof Kieslowski (bekannt von der Trilogie Blau, Rot und Weiß), Andrzej Wajda, Krzysztof Zanussi und Roman Polanski ihre Ausbildung. Heutzutage ist die Schule auch international beliebt: jedes Jahr werden dutzende ausländische Studenten angenommen, die nach einem Jahr polnischen Sprachunterricht die komplette Ausbildung auf Polnisch absolvieren. Auch der amerikanische Regisseur David Lynch hat ein besonderes Verhältnis zu Lodz, seit er dort 2000 das internationale Camerimage Filmfestival besuchte. Bednarek: `Polanski hat ihm hier im vergangenen Jahr noch herumgeführt. Er hat Lynch alles über seine Jahre bei uns erzählt. Es war ein sehr emotionaler Besuch für ihn.` David Lynch drehte in Lodz für seinen Film Inland Empire. Er unterstützt mittlerweile mehrere Kulturfestivals der Stadt.
Im Schatten Warschaus
Trotz der berühmten Filmschule: wer hat jemals von Lodz gehört? Die Stadt ist einer der eigenartigsten Orte Mitteleuropas. Lodz ist mit seinen fast 800.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Polens, aber trotzdem fast komplett unbekannt. Lodz hat, so lange es die Stadt gibt, immer mit ihrer geographischen Lage gekämpft: im Schatten Warschaus. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte Lodz sich als Industriestadt, nachdem die Stadt beschlossen hatte dass neue Betriebe keine Steuern zahlen mussten. Deswegen entwickelte sich Lodz rasend schnell zu einem Textilzentrum für Mittel- und Osteuropa, als am Ende des 19. Jahrhunderts deutsche, polnische, russische und jüdische Industriebaronen in gigantische Textilfabriken investierten. In wenigen Jahrzehnten wuchs die Bevölkerung um hunderttausende Einwohner. In dieser Zeit bekam Lodz auch seinen Namen `Das Manchester Polens.` In den Fabriken aus rotem Ziegelstein malochten die Textilarbeiter in Schichten an ohrenbetäubenden Webegeräten. Sie wohnten in dunklen, feuchten Arbeiterwohnungen gleich gegenüber von den Fabriken. Die engen Mietswohnungen standen in krassem Kontrast zu den Palästen, die die Industriellen für sich selbst bauen ließen. Sie konnten sich etwas leisten, und sorgten dafür, dass der Kunstsektor in Lodz sich entwickelte. Paläste wurden gebaut, Ausstellungsräume und Museen. Noch immer hat Lodz eines der größten Museen für moderne Kunst in Europa.
Das industrielle Wachstum zog viele jüdische Investoren nach Lodz. 1939, am Anfang des zweiten Weltkrieges, wohnten 230.000 Juden in Lodz, etwa ein Drittel der Bevölkerung. Der bekannteste von ihnen war Izrael Poznanski, Eigentümer der größten Textilfabrik von Lodz. Während des Krieges verwandelten die Deutschen einen Teil von Lodz in eines der größten Ghettos von Polen um. Die jüdischen Einwohner der Stadt wurden fast komplett ausgerottet. Jetzt hat Lodz den größten jüdischen Friedhof Europas. Nach dem Krieg war lange Zeit gar keine Spur der jüdischen Vergangenheit zu finden, aber in den letzten Jahren hat die Stadt Fußwege und Infoschilder in Litzmannstadt eingerichtet, wie die Deutschen Lodz nannten.
Nigerianer als polnisches Gemeinderatsmitglied
Obwohl der Textilexport Richtung Osten während des Kommunismus einfach weiterging, kam die Industrie nach den politischen Änderungen der neunziger Jahre völlig zum Stillstand. Die Absatzmärkte im Osten gingen verloren und die Textilfabriken Pleite. Die monumentalen Fabriken standen leer und zerfielen. In Lodz wuchs in diesen Jahren nur die Arbeitslosigkeit. Es herrschte postindustrielle Tristesse. In den Neunzigern waren mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung arbeitslos.
Während in Warschau, Posen und Danzig die Wirtschaft Ende der Neunziger in Schwung kam, dauerte dies in Lodz viel länger. Mittlerweile läuft es aber auch in Lodz wieder rund. Die Stadt erlebt ein wirtschaftliches und kulturelles Revival. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte ist die Stadt so selbstbewusst, dass sie sich nicht mehr als kleiner Tochter von Warschau präsentiert, meint John Godson, Gemeinderatsmitglied in Lodz. Godson ist eine auffällige Erscheinung in Polen: er ist schwarz. Er kam 1993 von Nigeria als Evangelist nach Polen, und ist nie wieder gegangen. `Ich fühle mich hier wohl`, sagt er während der Pause einer Sitzung im Rathaus der Stadt. Trotz des weit verbreiteten Rassismus in Polen sagt Godson davon noch nie etwas gespürt zu haben. `Ich denke, dass es mit deiner eigenen Einstellung zu tun hat.`
Godson sieht es als einer seiner wichtigsten Aufgaben, Lodz als attraktive Stadt zu promoten. Er meint, dass Lodz eine große Zukunft vor sich hat als Drehscheibe zwischen Nord und Süd, Ost und West. `Etwas nördlich der Stadt läuft die Autobahn von Posen nach Warschau, die sich in Zukunft mit der Autobahn von Danzig Richtung Schlesien kreuzen wird. Wir werden von dieser geographischen Lage profitieren. Für Firmen ist es attraktiv, sich hier anzusiedeln.`
Lodz als Silicon Valley
In der Tat sind in den letzten Jahren mehrere ausländische Firmen nach Lodz gekommen. So öffnete Computergigant Dell in Januar seine Tore in Lodz. Der Betrieb baut mit 1300 Arbeitnehmern Computer für die neuen Märkte in Osteuropa. Godson: `Bei Dell sollen am Ende 3.000 Menschen arbeiten. Hoffentlich ist Dell der Vorbote für mehr Betriebe aus dem IT-Sektor. Lodz hat dutzende Universitäten und Hochschulen. Wir sehen gerne, dass die Stadt sich als Researchzentrum entwickelt. Lodz soll eine Art Silicon Valley werden.´
Neben Dell sind auch Gillette, Bosch, Siemens und Philips in Lodz anwesend. Die Firmen siedelten sich auf der so genannten Strefa an: eine Sonderwirtschaftszone wo kaum Steuern gezahlt werden. In seinem Büro nennt Vorsitzender Marek Cieslak routiniert die Erfolge seiner Strefa auf: `Mittlerweile haben sich hier mehr als hundert Firmen angesiedelt. Sie sorgen für 14.000 Arbeitsplätze.` Wie lange die Strefa noch existieren wird, weiß er nicht. `Ursprünglich war die Idee bis 2017, aber wir haben gute Hoffnung, dass die Frist verlängert wird.`
Fabriken werden zu Shoppingmalls
Nicht weit von der Sonderwirtschaftszone entfernt ist die ehemalige Textilfabrik des deutschen Textilbaronen Scheibler komplett eingerüstet. Der Komplex ist von einem australischen Immobilienmagnat aufgekauft worden, und wird jetzt in Appartements verwandelt. Obwohl es Widerstand gegen den `Revitalisierungsplan` gab, hat das Großkapital den Streit natürlich gewonnen. Die meisten Einwohner der Stadt sind aber froh dass der Zerfall der Stadt gestoppt wird und wieder Leben in die vor sich hin modernden Fabriken zurückkehrt.
Das ist mittlerweile auch in der ehemaligen Textilfabrik von Izrael Poznanski passiert. Seine Textilfabrik ist in den letzten Jahren komplett renoviert worden und zu dem bekanntesten kulturellen und kommerziellen Zentrum der Stadt verwandelt worden: Manufaktura. So etwas wie Manufaktura gibt es nirgendwo in Polen, nicht mal in Warschau, und das zählt in Lodz. Auf 150.000 Quadratmetern gibt es 306 Läden, ein Museum, eine Diskothek, Kinos, Kletterwände, Kneipen und ein Hotel in Bau. `Die Einwohner der Stadt lieben Manufaktura, weil der Ort unzertrennlich mit der Stadt verbunden ist`, meint Joanna Delbar von Manufaktura. `Jeder Einwohner von Lodz kennt jemanden der hier gearbeitet hat. Meine Oma schuftete hier auch.` Laut Delbar hat Manufaktura außerdem dafür gesorgt, dass Lodz zum ersten Mal in seiner Geschichte einen eigenen Platz hat. Polnische Städte haben meistens ein `stary rynek`, ein Altstadtplatz, aber so ein historischer Platz fehlt in Lodz. Die Stadt ist entlang der Ulica Piotrkowska gebaut, eine Straße die mit sechs Kilometern Länge Europas längster Fußgängerzone geworden ist. Jugendliche auf Fahrradrikschas warten dort auf Kunden. In der Nähe des Rathauses, zwischen feinen Jugendstilhäusern, liegt das fin-de-siecle-Hotel Grand. Vor dem Eingang gibt es auf dem Fußweg gelbe Sterne, darin die Namen berühmter Regisseure die in Lodz ihre Ausbildung genossen. Lodz, das Hollywood des Osten, hat seinen eigenen walk of fame.
Kinderzirkus
Eine Straße weiter liegt die Ulica Wschodnia. Im Gegensatz zu der Ulica Piotrkowska sieht diese Straße wie in einem Armenviertel aus. Am Ende eines dunklen Innenhofes liegt ein Zimmer wo die `Stiftung für eine lebendige Kultur` ihr Büro hat. Leiter der Stiftung ist Piotr Bielski, ein 25-jähriger Pole mit langen Haaren, einer Brille und rollendem `R`. Bielski isst vegetarisch, lebt umweltbewusst und ist gerade zurück von den Zapatistas aus Mexiko. Mit seiner Stiftung versucht er Kinder aus sozial schwachen Familien zu unterstützen. Bielski: `Es ist nicht leicht. Zuerst haben ein paar von diesen Typen die Tür eingetreten. Aber als wir vor kurzem hier Musik machten, ist reiner von ihnen vorbei gekommen und hat plötzlich angefangen zu rappen. Jetzt ist es besser.`
Bielski mag keine Großinvestoren, aber über Manufaktura ist er auffällig positiv. `Ich bevorzuge lokale, kleine Initiativen, aber es ist klar dass keiner Manufaktura hätte retten können, wenn kein Großinvestor gekommen wäre. Es kann auch schlechter.` Es freut Bielski, dass seine Stadt neu belebt wird. `Heutzutage sehe ich sogar junge Touristen mit Reiseführern in der Ulica Piotrkowska. Früher wurde Lodz nicht mal in Reiseführern erwähnt.`
Momentan beschäftigt Bielski sich mit einigen anderen jungen Polen mit einem europäischen Projekt, dass ein Kinderzirkus in Lodz gründen will. Jede Woche üben dutzende junger Einwohner der Stadt zusammen mit einigen europäischen Freiwilligen in einer Schule unterschiedliche Zirkusaktionen. Einer von ihnen ist Dagna Gmitrwicz, Initiator des Zirkus, und verliebt in Lodz. `Ich liebe diese Stadt`, sagt sie ausgelassen. `Ich war ein paar Jahre weg aus Lodz, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden zurück zu kommen. In Lodz lebt die Kultur auf der Straße. Ich spüre hier die Energie. Es gibt viele kleine kulturelle Initiativen, viele Festivals. Außerdem ist Lodz attraktiv für junge Leute, für Studenten. Die Mieten sind hier viel günstiger als in Warschau. Die Löhne übrigens auch. Lodz hat Zukunft.`
Lodz war mal das Manchester Polens. Nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs versank die Stadt aber in postindustrieller Tristesse. Mittlerweile erlebt Lodz ein enormes kulturelles und wirtschaftliches Revival. `Èndlich kommen wir aus dem Schatten von Warschau heraus.`
Jeroen Kuiper
In: Freitag, Juni 2008
Die wichtigste Treppe der Welt befindet sich in Lodz. Das meint wenigstens Roman Polanski, der polnische Regisseur, der in dieser Stadt seine Ausbildung an der Filmhochschule folgte. `Die siebte Stufe, das war seine Domäne`, erzählt Jan Bednarek, Dozent an der höheren Filmschule von Lodz. `Auf diese Treppe saßen die Studenten, hier tranken sie ihren Wodka, hier besprachen sie ihre Arbeit. Bei Polanski war sofort klar, dass er sehr viel Talent hatte. In den Fünfzigern, als er hier studierte, war Lodz eine langweilige Stadt, aber Polanski organisierte Jazzpartys in der Filmschule und lud Leute aus der Stadt ein. Jeder sprang in dem Springbrunnen hier im Hof, und Polanski drehte daraus einen Film.`
Nach dem zweiten Weltkrieg beschloss die polnische Regierung die nationale Filmschule vorübergehend im 130 Kilometer von der Hauptstadt Warschau entfernten Lodz an zu siedeln. Warschau selber war dafür zu kaputt geschossen. Die Schule bekam ihren Platz in einem dunklen, mit Holzvertäfelungen verkleideten Palast, der vorher Eigentum des Juden Oskar Kohn gewesen war. Die Filmschule ist seitdem nie mehr aus Lodz weggezogen. Laut Bednarek wurde die Schule schon bald zu einer eigensinnigen, liberalen Insel in einem streng kommunistischen Meer. Selber wurde er in den siebziger Jahren an der Hochschule ausgebildet. `Es war eine seltsame Zeit. Nach den politischen Unruhen in den Jahren `68-`70 waren die frühen Siebziger weniger frei. Trotzdem konnten die Filmstudenten mehr oder weniger machen, was sie wollten. Der Parteisekretär Gomulka wusste zwar was wir machten, aber er sagte: `Was haben wir von 200 Filmstudenten zu befürchten? Sollen die doch tun, was sie wollen.`
An der Filmschule machten Regisseure wie Krzysztof Kieslowski (bekannt von der Trilogie Blau, Rot und Weiß), Andrzej Wajda, Krzysztof Zanussi und Roman Polanski ihre Ausbildung. Heutzutage ist die Schule auch international beliebt: jedes Jahr werden dutzende ausländische Studenten angenommen, die nach einem Jahr polnischen Sprachunterricht die komplette Ausbildung auf Polnisch absolvieren. Auch der amerikanische Regisseur David Lynch hat ein besonderes Verhältnis zu Lodz, seit er dort 2000 das internationale Camerimage Filmfestival besuchte. Bednarek: `Polanski hat ihm hier im vergangenen Jahr noch herumgeführt. Er hat Lynch alles über seine Jahre bei uns erzählt. Es war ein sehr emotionaler Besuch für ihn.` David Lynch drehte in Lodz für seinen Film Inland Empire. Er unterstützt mittlerweile mehrere Kulturfestivals der Stadt.
Im Schatten Warschaus
Trotz der berühmten Filmschule: wer hat jemals von Lodz gehört? Die Stadt ist einer der eigenartigsten Orte Mitteleuropas. Lodz ist mit seinen fast 800.000 Einwohnern die zweitgrößte Stadt Polens, aber trotzdem fast komplett unbekannt. Lodz hat, so lange es die Stadt gibt, immer mit ihrer geographischen Lage gekämpft: im Schatten Warschaus. Erst Anfang des 19. Jahrhunderts entwickelte Lodz sich als Industriestadt, nachdem die Stadt beschlossen hatte dass neue Betriebe keine Steuern zahlen mussten. Deswegen entwickelte sich Lodz rasend schnell zu einem Textilzentrum für Mittel- und Osteuropa, als am Ende des 19. Jahrhunderts deutsche, polnische, russische und jüdische Industriebaronen in gigantische Textilfabriken investierten. In wenigen Jahrzehnten wuchs die Bevölkerung um hunderttausende Einwohner. In dieser Zeit bekam Lodz auch seinen Namen `Das Manchester Polens.` In den Fabriken aus rotem Ziegelstein malochten die Textilarbeiter in Schichten an ohrenbetäubenden Webegeräten. Sie wohnten in dunklen, feuchten Arbeiterwohnungen gleich gegenüber von den Fabriken. Die engen Mietswohnungen standen in krassem Kontrast zu den Palästen, die die Industriellen für sich selbst bauen ließen. Sie konnten sich etwas leisten, und sorgten dafür, dass der Kunstsektor in Lodz sich entwickelte. Paläste wurden gebaut, Ausstellungsräume und Museen. Noch immer hat Lodz eines der größten Museen für moderne Kunst in Europa.
Das industrielle Wachstum zog viele jüdische Investoren nach Lodz. 1939, am Anfang des zweiten Weltkrieges, wohnten 230.000 Juden in Lodz, etwa ein Drittel der Bevölkerung. Der bekannteste von ihnen war Izrael Poznanski, Eigentümer der größten Textilfabrik von Lodz. Während des Krieges verwandelten die Deutschen einen Teil von Lodz in eines der größten Ghettos von Polen um. Die jüdischen Einwohner der Stadt wurden fast komplett ausgerottet. Jetzt hat Lodz den größten jüdischen Friedhof Europas. Nach dem Krieg war lange Zeit gar keine Spur der jüdischen Vergangenheit zu finden, aber in den letzten Jahren hat die Stadt Fußwege und Infoschilder in Litzmannstadt eingerichtet, wie die Deutschen Lodz nannten.
Nigerianer als polnisches Gemeinderatsmitglied
Obwohl der Textilexport Richtung Osten während des Kommunismus einfach weiterging, kam die Industrie nach den politischen Änderungen der neunziger Jahre völlig zum Stillstand. Die Absatzmärkte im Osten gingen verloren und die Textilfabriken Pleite. Die monumentalen Fabriken standen leer und zerfielen. In Lodz wuchs in diesen Jahren nur die Arbeitslosigkeit. Es herrschte postindustrielle Tristesse. In den Neunzigern waren mehr als zwanzig Prozent der Bevölkerung arbeitslos.
Während in Warschau, Posen und Danzig die Wirtschaft Ende der Neunziger in Schwung kam, dauerte dies in Lodz viel länger. Mittlerweile läuft es aber auch in Lodz wieder rund. Die Stadt erlebt ein wirtschaftliches und kulturelles Revival. Zum ersten Mal in ihrer Geschichte ist die Stadt so selbstbewusst, dass sie sich nicht mehr als kleiner Tochter von Warschau präsentiert, meint John Godson, Gemeinderatsmitglied in Lodz. Godson ist eine auffällige Erscheinung in Polen: er ist schwarz. Er kam 1993 von Nigeria als Evangelist nach Polen, und ist nie wieder gegangen. `Ich fühle mich hier wohl`, sagt er während der Pause einer Sitzung im Rathaus der Stadt. Trotz des weit verbreiteten Rassismus in Polen sagt Godson davon noch nie etwas gespürt zu haben. `Ich denke, dass es mit deiner eigenen Einstellung zu tun hat.`
Godson sieht es als einer seiner wichtigsten Aufgaben, Lodz als attraktive Stadt zu promoten. Er meint, dass Lodz eine große Zukunft vor sich hat als Drehscheibe zwischen Nord und Süd, Ost und West. `Etwas nördlich der Stadt läuft die Autobahn von Posen nach Warschau, die sich in Zukunft mit der Autobahn von Danzig Richtung Schlesien kreuzen wird. Wir werden von dieser geographischen Lage profitieren. Für Firmen ist es attraktiv, sich hier anzusiedeln.`
Lodz als Silicon Valley
In der Tat sind in den letzten Jahren mehrere ausländische Firmen nach Lodz gekommen. So öffnete Computergigant Dell in Januar seine Tore in Lodz. Der Betrieb baut mit 1300 Arbeitnehmern Computer für die neuen Märkte in Osteuropa. Godson: `Bei Dell sollen am Ende 3.000 Menschen arbeiten. Hoffentlich ist Dell der Vorbote für mehr Betriebe aus dem IT-Sektor. Lodz hat dutzende Universitäten und Hochschulen. Wir sehen gerne, dass die Stadt sich als Researchzentrum entwickelt. Lodz soll eine Art Silicon Valley werden.´
Neben Dell sind auch Gillette, Bosch, Siemens und Philips in Lodz anwesend. Die Firmen siedelten sich auf der so genannten Strefa an: eine Sonderwirtschaftszone wo kaum Steuern gezahlt werden. In seinem Büro nennt Vorsitzender Marek Cieslak routiniert die Erfolge seiner Strefa auf: `Mittlerweile haben sich hier mehr als hundert Firmen angesiedelt. Sie sorgen für 14.000 Arbeitsplätze.` Wie lange die Strefa noch existieren wird, weiß er nicht. `Ursprünglich war die Idee bis 2017, aber wir haben gute Hoffnung, dass die Frist verlängert wird.`
Fabriken werden zu Shoppingmalls
Nicht weit von der Sonderwirtschaftszone entfernt ist die ehemalige Textilfabrik des deutschen Textilbaronen Scheibler komplett eingerüstet. Der Komplex ist von einem australischen Immobilienmagnat aufgekauft worden, und wird jetzt in Appartements verwandelt. Obwohl es Widerstand gegen den `Revitalisierungsplan` gab, hat das Großkapital den Streit natürlich gewonnen. Die meisten Einwohner der Stadt sind aber froh dass der Zerfall der Stadt gestoppt wird und wieder Leben in die vor sich hin modernden Fabriken zurückkehrt.
Das ist mittlerweile auch in der ehemaligen Textilfabrik von Izrael Poznanski passiert. Seine Textilfabrik ist in den letzten Jahren komplett renoviert worden und zu dem bekanntesten kulturellen und kommerziellen Zentrum der Stadt verwandelt worden: Manufaktura. So etwas wie Manufaktura gibt es nirgendwo in Polen, nicht mal in Warschau, und das zählt in Lodz. Auf 150.000 Quadratmetern gibt es 306 Läden, ein Museum, eine Diskothek, Kinos, Kletterwände, Kneipen und ein Hotel in Bau. `Die Einwohner der Stadt lieben Manufaktura, weil der Ort unzertrennlich mit der Stadt verbunden ist`, meint Joanna Delbar von Manufaktura. `Jeder Einwohner von Lodz kennt jemanden der hier gearbeitet hat. Meine Oma schuftete hier auch.` Laut Delbar hat Manufaktura außerdem dafür gesorgt, dass Lodz zum ersten Mal in seiner Geschichte einen eigenen Platz hat. Polnische Städte haben meistens ein `stary rynek`, ein Altstadtplatz, aber so ein historischer Platz fehlt in Lodz. Die Stadt ist entlang der Ulica Piotrkowska gebaut, eine Straße die mit sechs Kilometern Länge Europas längster Fußgängerzone geworden ist. Jugendliche auf Fahrradrikschas warten dort auf Kunden. In der Nähe des Rathauses, zwischen feinen Jugendstilhäusern, liegt das fin-de-siecle-Hotel Grand. Vor dem Eingang gibt es auf dem Fußweg gelbe Sterne, darin die Namen berühmter Regisseure die in Lodz ihre Ausbildung genossen. Lodz, das Hollywood des Osten, hat seinen eigenen walk of fame.
Kinderzirkus
Eine Straße weiter liegt die Ulica Wschodnia. Im Gegensatz zu der Ulica Piotrkowska sieht diese Straße wie in einem Armenviertel aus. Am Ende eines dunklen Innenhofes liegt ein Zimmer wo die `Stiftung für eine lebendige Kultur` ihr Büro hat. Leiter der Stiftung ist Piotr Bielski, ein 25-jähriger Pole mit langen Haaren, einer Brille und rollendem `R`. Bielski isst vegetarisch, lebt umweltbewusst und ist gerade zurück von den Zapatistas aus Mexiko. Mit seiner Stiftung versucht er Kinder aus sozial schwachen Familien zu unterstützen. Bielski: `Es ist nicht leicht. Zuerst haben ein paar von diesen Typen die Tür eingetreten. Aber als wir vor kurzem hier Musik machten, ist reiner von ihnen vorbei gekommen und hat plötzlich angefangen zu rappen. Jetzt ist es besser.`
Bielski mag keine Großinvestoren, aber über Manufaktura ist er auffällig positiv. `Ich bevorzuge lokale, kleine Initiativen, aber es ist klar dass keiner Manufaktura hätte retten können, wenn kein Großinvestor gekommen wäre. Es kann auch schlechter.` Es freut Bielski, dass seine Stadt neu belebt wird. `Heutzutage sehe ich sogar junge Touristen mit Reiseführern in der Ulica Piotrkowska. Früher wurde Lodz nicht mal in Reiseführern erwähnt.`
Momentan beschäftigt Bielski sich mit einigen anderen jungen Polen mit einem europäischen Projekt, dass ein Kinderzirkus in Lodz gründen will. Jede Woche üben dutzende junger Einwohner der Stadt zusammen mit einigen europäischen Freiwilligen in einer Schule unterschiedliche Zirkusaktionen. Einer von ihnen ist Dagna Gmitrwicz, Initiator des Zirkus, und verliebt in Lodz. `Ich liebe diese Stadt`, sagt sie ausgelassen. `Ich war ein paar Jahre weg aus Lodz, aber ich habe mich bewusst dafür entschieden zurück zu kommen. In Lodz lebt die Kultur auf der Straße. Ich spüre hier die Energie. Es gibt viele kleine kulturelle Initiativen, viele Festivals. Außerdem ist Lodz attraktiv für junge Leute, für Studenten. Die Mieten sind hier viel günstiger als in Warschau. Die Löhne übrigens auch. Lodz hat Zukunft.`
Sonntag, 05.09.10
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